Drei Leben im Gegenwind
Der Zeitzeugenbericht beschreibt drei spannende Lebensabschnitte. Mein Vater war seit 1946 mitten im Kalten Krieg. Ein ehemaliger StaSi-Offizier meinte sogar, er hรคtte ihn erfunden. Eine Meinung, die etwas schmunzelnd auch von Historikern vertreten wird. Sie begrรผnden das damit, dass aus Grรผndungsunterlagen der StaSi hervorgehe, dass die Sowjets die West-Berliner KgU (Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit) als konterrevolutionรคren Klassenfeind zu vernichten anordneten. Den nachrichtendienstlichen Teil der KgU leitete Dr. Heinz Hoffman mit Klarnamen Dr. Heinrich von zur Mรผhlen, mein Vater.

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Die Angst der Mutter um den Vater รผbertrug sich ungewollt auf mich, den damals vierjรคhrigen Knirps. Ich begann alles, was mir in unserer Wohnumgebung ungewรถhnlich erschien, Mutter mitzuteilen. Sie rief dann oft jemanden an und gab meine Beobachtungen weiter. Heute weiร ich, an wen: An den britischen Nachrichtendienst MI6, der fรผr Vaters Personenschutz zustรคndig war. Wir lebten am Kurfรผrstendamm 145 im britischen Sektor – in den Trรผmmern Berlins.
Als ich Mutter ein verdรคchtiges Auto meldete, das kurz vor unserem Haus die Geschwindigkeit reduziert hatte und nach Vorbeifahrt wieder beschleunigte, dann um den Block fuhr und das Manรถver wiederholte (diesmal mit zwei Insassen weniger), hรถrte ich Mutter am Telefon sagen „Nein, das Kennzeichen habe ich nicht. Mein Sohn ist erst 4 und kann noch nicht lesen oder schreiben!“ Ich protestierte: „Aber malen, Mutti!“ und malte das Kennzeichen auf den Ran der Zeitung, die zufรคllig neben dem Telefon lag. 2016 fand fand ich den Schnipsel zwischen Briefen in Mutters Nachlass. Das B war spiegelverkehrt und die 1 ebenfalls. Der Brite am Telefon war begeistert. In Berlin waren nur wenige Autos auf den Straรen. Die Briten kannten jetzt ein Kennzeichen, das dem sowjetischen Nachrichtendienst zuzuordnen war. Hilfreich fรผr die Gegenobservation. Danach brachte Mutter mir Zahlen und Buchstaben bei und รผbte sie mit mir an vorbeifahrenden oder parkenden Autos. Mein erstes Sicherheitstraining. Der Beruf des Sicherheitsberaters lag also fast genetisch nah an meiner Wiege.
Drei Leben im Gegenwind
Das Buch schildert eine Auswahl von 130 zuvor noch nie verรถffentlichten Ereignissen und fรผgt auch bislang unverรถffentlichte politische Hintergrรผnde hinzu. Es ist eine Auswahl aus รผber 400 erlebten Episoden. und beschreibt unvorstellbare Lebensumstรคnde und berichtet unter anderem รผber nachrichtendienstliche Operationen aus der ersten und heiรesten Phase des Kalten Krieges in Berlin von 1946 bis 1958. Heiรer Kalter Krieg – das waren pro Jahr im Schnitt 50 Entfรผhrungen von Westberlinern durch die Sowjets. Nur wenige von ihnen sind je wieder aufgetaucht. An der russischen Menschenverachtung im Umgang mit Andersdenkenden hat sich bis heute nichts geรคndert, wie der Ukraine-Krieg beweist.
Es sind aber auch Schilderungen von Lebensumstรคnden in der Nachkriegszeit und ungewรถhnliche Einblicke in einen damals entstehenden Nachrichtendienst. Unter Schwarzmarkt stellt man sich heute einen harmlosen Handel ausserhalb eines angemeldeten Gewerbes vor. Dabei war es ein รberlebenskampf mit Mord und Totschlag. Bis heute ist wurden Schwarzmarktaktivitรคten noch nie so ehrlich und drastisch beschrieben. Jedenfalls habe ich keine entsprechend fundierte Literatur gefunden. Unsere Schwarzmarkt- und Hamsterfahrten waren teilweise Tarnung von nachrichtendienstlich motivierten Kurierfahrten .

Das Bild zeigt meinen Bruder Erik, meinen Freund Achim (7 und 8 Jahre alt) und mich (noch keine 5 Jahre) und macht die Lebensumstรคnde deutlich:
Man sieht, dass wir keine Schuhe tragen. Wir hatten nur ein Paar fรผr den Winter. Und das in den Trรผmmern des Kurfรผrstendamm! Wir bewegten uns wie Katzen, waren immer aufmerksam, sahen oder ahnten, wo Verletzungsgefahren herrschten, denn in dem Schutt gab es unglaubliche Mengen an Scherben Nรคgeln, scharfkantige Granat- und Bombensplitter, nachrutschendes Gerรถll. Aber uns ist bei aller Kletterei รผber Steine, scharfe Eisen oder zersplitterte Fenster nie etwas ernsteres zugestoรen. Man sieht uns auf dem Bild an, dass wir glรผckliche und frรถhliche Kinder waren.
In dieser Ruine, sie war genau gegenรผber von unserem Haus, sah ich einen Mann verschwinden. Ich sah ihn nicht herauskommen, sondern nahm nur kleine Rauchwolken von Zigaretten wahr. Ich informierte Mutter. Sie rief die Kontaktnummer des britischen Geheimdiensts an, der fรผr Vaters Personenschutz verantwortlich war. Wenig spรคter wurde der Mann abgefรผhrt. Er hatte unser Haus observiert.
Wie schon erwรคhnt wurden von den Sowjets von 1946-1951 jรคhrlich an die 50 West-Berliner – manchmal mehr – entfรผhrt und teilweise ermordet! Nur wenige รผberlebten. Die Angst um den Vater schรคrfte meine Beobachtungsgabe.
Die in dem Zeitzeugenbericht beschriebenen Erlebnisse, Hintergrรผnde und Episoden waren ursprรผnglich fรผr Archive wie das Marburger Adelsarchiv (das auch unsere Familienchronik archiviert), das Deutsche Tagebuch-Archiv in Emmendingen und das Archiv im Haus der Geschichte in Bonn vorgesehen, um die Tatsachenberichte der Geschichtsforschung zugรคnglich zu machen, da mein Bericht auch noch nie verรถffentlichte Hintergrรผnde beschreibt, ungewรถhnlich und die Zeit charakterisierend. Auch Verlagsarchive kรถnnen es fรผr ihre redaktionelle Arbeit bekommen. Dem Spiegel-Archiv habe ich es auf Wunsch bereits vorab zur Auswertung zur Verfรผgung gestellt.
2022 ist das Jahr, in dem die von zur Mรผhlen’sche GmbH, Deutschlands รคlteste unabhรคngige Spezialberatung fรผr High-Tech-Sicherheit, ihr 50stes Jahr des Bestehens feiert. Zuvor hatte ich schon drei Jahre lang als Student freiberuflich Beratungsleistungen erbracht. Insofern passt alles zusammen: Das Jubilรคum und der Rรผckblick des Zeitzeugen auf 70 ereignisreiche Jahre.
Und noch eine Information: Ich bearbeite zur Zeit รผber 200 Episoden, die ich in dem Buch nicht verรถffentlicht habe. Ich werde keinen zweiten Band daraus machen. Aber ich werde auf dieser Homepage kรผnftig alle paar Wochen zwei oder drei Episoden im Wechsel publizieren. Wer immer wieder mal ins Internet schaut, kann also weitere Episoden lesen. Ob es mir gelingt, die Interessenten an den ergรคnzenden Episoden zu registrieren und per Mail รผber neue Texte zu informieren, weiร ich noch nicht. Ich werde aber dafรผr sorgen, dass Historiker im Deutsches Tagebucharchiv in Emmendingen zu Zwecken historischer Recherchen Zugriff auf alle Texte bekommen.
Rainer A.H. von zur Mรผhlen
TeMedia Verlag GmbH
Alte Heerstr. 1
D- 53121 Bonn
Mail: rvzm@vzm.de