Leseproben: Erstes Leben

Kind als Zeitzeuge beim Aufbau eines Spionage- und Sabotagedienstes gegen die sowjetischen Besatzungstruppen

Mein Vater war in seiner letzten militärischen Verwendung Offizier im Oberkommando Wehrmacht (OKW), dort bei der Abwehr, also dem militärischen Nachrichtendienst, bekannt durch Admiral Canaris. Vater kam, weil das OKW aus Berlin nach Flensburg verlegt worden war, in britische Kriegsgefangenschaft. Als er mitbekam, dass ein schottisches Bataillon in ehemalige Arbeitsdienstbaracken verlegt werden sollte, sprach er einen Major warnend an, dass die Baracken wegen Seuchengefahr geräumt worden waren. Major Fletcher stoppte sofort die Verlegung und kam mit Vater ins Gespräch. Sie waren Kollegen, beide Nachrichtendienstler.

Die Briten (vor allem Churchill) hatten früh, schon 1944, jegliches Vertrauen in die Sowjets verloren und befürchtet, dass die Rote Armee nur auf eine Gelegenheit warten würde, nach Westen gen Rhein vorzudringen und fast ganz Deutschland zu besetzen. Die Furcht vor einem sowjetischen Vormarsch nach Westeuropa hatte Churchill veranlasst, schon im Mai 1945 den britischen Generalstab mit der „Operation Unthinkable“ zu beauftragen. Churchill wurde aber mitten in der Potsdamer Konferenz mit Stalin und Truman gestürzt. Sein Nachfolger Attlee stoppte die Planungen aber nicht. So wurde sehr früh über den Aufbau einer SBO (Stay Behind Organisation) in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) nachgedacht.

Die Briten hatten zwar gemeinsam mit Russland gegen Hitlerdeutschland gekämpft, aber sie hatten nie mit den Sowjets ernst zu nehmende gemeinsame Militärstäbe gebildet. Sie kannten die Führungsstrukturen nur wie sie auf Papier standen, aber nicht die Organisationswirklichkeit, und nur wenige Briten konnten Russisch. So erschien es ihnen als ein glücklicher Zufall, dass der schottische Major Fletcher in Flensburg zufällig auf meinen Vater in britischer Kriegsgefangenschaft gestoßen war. Fletcher erkannte Vaters Potential: Nachrichtendienstler, exzellente russische Sprachkenntnisse, Verbindungsoffizier zwischen dem Auswärtigen Amt und deutschen Stäben sowie zu Fremde Heere Ost, Erfahrung im Osteinsatz (Ukraine und Stalingrad). Erfahrener Befrager von in Gefangenschaft geratenen sowjetischen Offizieren mit äußerst geschickter, Vertrauen vermittelnder Fragetechnik und Routine. Ein phänomenales Namens- und Sachverhaltsgedächtnis. Vater schrieb keine Notizen auf, er hatte immer alles im Kopf. Ganze Bücher tippte er ohne handschriftliche Aufzeichnungen direkt in die Schreibmaschine.

Vater sagte einmal zu mir: „Je intelligenter die von mir Befragten waren, je höher ihr Bildungsgrad und je mehr sie wussten, desto mehr sagten sie mir. Ich hatte einen fast perfekten Überblick über die Militärorganisation, die verschiedenen Bereiche und sogar über die russischen Nachrichtendienste und die Rüstungsindustrie und ihre Kapazität. Und wenn ich einen gefangenen Offizier befragte, hatte dieser den Eindruck, ich wüsste sowieso schon alles. Ich führte mit ihnen keine Verhöre durch, sondern Fachgespräche.“

Vater hatte in der Ukraine einen Fahrer, der uns nach dem Krieg wiederholt besuchte und mir immer Geschichten erzählte. Einmal erwähnte er, dass ein schwer verwundeter Offizier der Roten Armee befragt werden sollte. Vater hatte sofort dafür gesorgt, dass er von deutschen Stabsärzten operiert und auch mit Schmerzmitteln versorgt wurde. Erst als es ihm besser ging, suchte er das Gespräch, und das war sehr informativ.

So war es sicher kein Zufall, dass Major Fletcher die Bekanntschaft zu dem Kriegsgefangenen Dr. Heinrich v. zur Mühlen als willkommenen Einstieg in den Aufbau einer militärischen Spionage- und Stay-Behind-Organisation ansah. Allerding dachten die Briten nur an Spionage, Sabotage und Widerstand gegen die Sowjets, und das auch ausschließlich erst nach Ausbruch eines neuerlichen Krieges. Konzept war folglich eine fast lupenreine Schläferorganisation. In der Praxis ergaben sich dann jedoch weitergehende Ziele – nämlich Militär-Spionage und Beobachtung der nachrichtendienstlichen Arbeit der Sowjets in Deutschland und des Aufbaus bewaffneter Kräfte in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). 

Schon damals in Flensburg wurde Vater von Fletcher gefragt, ob er sich vorstellen könnte, einen Stay-Behind-Dienst in der Sowjetzone aufzubauen. Vater verblüffte den Major gleich mit der Aussage, welche Voraussetzungen für einen erfolgreichen Beginn geschaffen werden müssten:

  1. Er müsste mit einer völlig unverfänglichen wissenschaftlichen Arbeit beginnen. Thema: Handelnde und Mitwisser im deutschen Widerstand gegen Hitler. Das würde ihm ermöglichen, charakterlich gefestigte Personen mit konspirativer Erfahrung unverfänglich zu recherchieren und auf ihre Eignung für eine SBO in der SBZ abzuklopfen. Das könne er dann im Zuge von Interviews mit diesen und mit ihrem ehemaligen Umfeld realisieren.
  2. Da es keine Adressbücher für Kontaktaufnahmen gab, müsse er als weitere Voraussetzung unbeschränkten Zugriff auf die Suchdienste haben, um an Namen und Kontakte zur Ansprache von Agenten zu kommen.

Als Vater im Sommer 1946 nach Berlin entlassen wurde, war schon alles für die Gründung eines Spionage- und Sabotagedienstes unter seiner Leitung vorbereitet. Aber Vater war sehr sorgfältig. Die ersten Anwerbungen fanden erst im Dezember 1947 statt.

Kind in der Krippe – eine Weihnachtsgeschichte mit Hamsterfahrt und Agentenanwerbung

Es war kurz vor Weihnachten 1947, als Mutter recht unerwartet einige Sachen zusammenpackte, mich in meinen Kinderwagen stellte und ich dadurch wusste, dass wir einen längeren und vor allem flotten Fußweg vor uns hatten. Der Kinderwagen war ein Korbwagen. Er war geräumig und stabil. Daher diente er auch als „Lastwagen“.

Wir gingen zum Bahnhof Charlottenburg. Den kannte ich gut, weil in der Nähe Mutters Vater, Großvater Rogge, wohnte. Ein fremder Mann half Mutter, den Kinderwagen die Stufen zur S-Bahn hinaufzutragen. Der fremde Mann ging dann zum Ende des Bahnsteigs und ich sah, dass er dort auf Vater traf. Beide stiegen in andere Wagen als Mutter mit mir. Mehrmals mussten wir umsteigen. Immer half der fremde Mann, die Treppen zu überwinden und entfernte sich dann wieder. Noch einmal konnte ich Vater von weitem sehen. Aber immer bedeutete Mutter mit einem leisen Psst, nicht zu rufen. Da immer irgendeine gewisse Grundangst vorhanden war, gehorchten damals alle Kinder in solchen Situationen aufs Wort. Ich war auch diesbezüglich dressiert.

Nach längerer Fahrt verließen wir die S-Bahn in einer Gegend, die gar nicht nach Stadt aussah. Kaum zerstörte Häuser wie es in einer richtigen Stadt sein musste. Eine Frau war auf dem Bahnsteig. Weder den Vater noch den fremden Mann konnte ich sehen. Aber die Frau war stark und trug den Kinderwagen zusammen mit Mutter die Treppe herab. Es war dann ein langer Weg. Immer weniger Häuser. Aber alle heil. Das hatte ich noch nie gesehen. Der Kinderwagen rumpelte fürchterlich auf dem Kopfsteinpflaster, aber neben dem Pflaster war Sand. Da kam man gar nicht vorwärts, obgleich es zuvor geregnet haben muss, denn der Sand war teilweise gefroren. Es war kalt und die Zähne klapperten im Rhythmus des Kopfsteinpflasters.

Schließlich kamen wir an einem Bauernhof an. Zu meinem Erstaunen war Vater mit dem fremden Mann schon da. Der Fremde hatte nie mit Mutter gesprochen, sondern immer nur geholfen. Jetzt hörte ich ihn sprechen und verstand gar nichts. Später, als wir schon in Bonn lebten, erzählte mir Vater, dass das ein britischer Offizier war, mit dem er damals zusammenarbeitete und der zwar gut Deutsch sprach, aber einen starken Akzent hatte.

Die beiden Männer trafen sich mit anderen Männern. Immer einzeln und in zeitlichem Abstand. Keiner der Besucher sah einen anderen. Vater und der Brite gingen nach kurzer Begrüßung mit jedem der neu eingetroffenen aus dem Haus. Sie wollten nicht, dass irgendwer die Gespräche mitbekam.

Ich war das Herumstromern in unbekannter Umgebung aus den Trümmern Berlins gewohnt und durfte mich auf dem Hof umschauen, nachdem mir die nette Bäuerin den Stall gezeigt hatte. Zu dem Pferd und der Kuh und zwei Schweinen durfte ich nicht gehen, aber zu den Kaninchen und den Ziegen. Als Mutter mit der Frau in der Küche war, ging ich zu dem Verschlag mit den Ziegen.

Da machte ich eine Entdeckung: eine Futterkrippe wie in meiner Kinderbibel. Es war wenige Tage vor Weihnachten. Mutter hatte immer von der Geschichte mit dem Jesuskind in der Krippe erzählt und wir haben die Bilder betrachtet. Da das Kind im Stall zur Welt gekommen war und eine Krippe als Kinderbettchen hatte, überkam mich die Neugier, wie gemütlich es darin wohl sei. Ich wusste, dass man den kleinen Jesus auf Stroh gebettet hatte. Also kratzte ich Stroh vom Boden des Ziegenstalls. Ganz nah an die Ziegen traute ich mich sogar. Sie waren angebunden und beäugten mich neugierig. Sie lachten dabei immer so komisch. Das beruhigte aber.

In dem Stall stand ein kleiner Hocker. So niedrig wie der Kinderstuhl zu Hause. In Wirklichkeit – aus heutiger Sicht – wohl ein Melkschemel. Mithilfe des Hockers kletterte ich in die Krippe und legte mich hinein. Die Neugier war schnell befriedigt. Das Stroh piekste fürchterlich. Und so bekam ich Mitleid mit dem Jesuskind. Also ging ich zurück zum Haus, wo Mutter mit der Bäuerin in der Küche saß.

Mit dem Entsetzensschrei hatte ich nicht gerechnet. Einen furchtbaren Gestank von Ziegenpisse muss ich an mir gehabt haben. Denn das Stroh… Die Bäuerin lachte so herzlich, dass Mutter auch zu lachen anfing. Mit spitzen Fingern beraubte man mich meiner Kleidung. Auf dem Herd stand ein großer Wasserkessel. Man gab das Wasser in einen kleinen Zuber und ich wurde erst einmal mit Kernseife (sie stank auch) abgeschrubbt. Dann wurden die Kleider in dem Wasser durchgewaschen. Gewissermaßen Vorwäsche. Und als der neu aufgesetzte Wasserkessel frisches heißes Wasser hatte, kam der zweite Waschgang. Ein Gittergestell wurde auf den Herd gestellt. Darüber wurde ein Stück Kaninchendrahtgitter gelegt und meine Sachen darauf ausgebreitet, damit sie bis zur Rückfahrt trocken wurden, aber auf der Hitze der Herdplatte nicht verkohlten.

Dann ging es raus in die Kälte und zurück zur S-Bahn nach Berlin. Der Kinderwagen war vollgepackt mit den Lebensmitteln der Hamsterfahrt.

Weihnachten wurde wundervoll. Die Bäuerin hatte mich ins Herz geschlossen. Sie hatte sogar eine halbe Gans mitgegeben, Kartoffeln und Äpfel. Seither ist Boskop mein Lieblingsapfel, denn später lernte ich den Apfel auch mit Namen kennen, der so schmeckte wie diese von der Hamsterfahrt. Im Mangel-Berlin, wo es nichts zu kaufen gab und selbst für Lebensmittelkarten kaum Essbares eingetauscht werden konnte, hatte unsere Familie Weihnachten ein richtiges Festessen. Mein Bruder und ich bekamen unseren ersten Süßigkeitenteller mit einem Apfel und Plätzchen und selbstgemachten Sahnebonbons. Ich hatte die Bäuerin an ihren eigenen Sohn erinnert, der nicht aus dem Krieg zurückgekommen ist und dessen Lieblingsgericht war Gänsebraten…

Auf dem Heimweg gab es niemanden, der immer gleich da war, den beladenen Kinderwagen zu schleppen. Ich musste die Treppen selbst laufen und war darüber sehr unzufrieden. Aber Mutter fand immer hilfsbereite Leute. Vater kam erst mehrere Tage später nach Hause.

Er hatte, wie ich sehr viel später erfuhr, sechs oder acht ehemalige Fachleute aus Nachrichtendiensten oder Polizei für seinen im Aufbau befindlichen Stay-Behind-Dienst angeworben. Fast alle stammten aus der Abwehr, dem von Canaris geleiteten militärischen Nachrichtendienst. Die Abwehr war parteipolitisch nicht so durchseucht und die Angeworbenen standen oft dem Widerstand nahe.  Mitgliedschaften in der NSDAP waren eher Tarnung als Bekenntnis. Einer davon war Polizist und ist später ins MfS gegangen. Vater meinte nach der Wende 1989 einmal, dieser Mann sei für ihn einer der wichtigsten Agenten in der späteren DDR geworden. Er beschrieb ihn eher als einen sogenannten Einflussagenten. In der letzten Geschichte meines Manuskripts wird die Bedeutung des Mannes erkennbar, weil er – so vermute ich – das Leben eines anderen Agenten, eines V-Mann-Führers meines Vaters, durch seinen Einfluss zu retten half.

Nach 1989 erzählte mir Vater erst, dass er in den Jahren 1947-1951 noch mehrere Agenten gewonnen hatte, die er perspektivisch so aufbauen konnte, dass das MfS sie zu hauptamtlichen Mitarbeitern anwarb. Keine Glücksfälle, sondern gezielt darauf hingearbeitet, dass das MfS sich für sie zu interessieren begann. Diese perspektivisch aufgebauten Mitarbeiter waren überwiegend sog. Schweigeagenten, die nur in ganz besonderen Situationen aktiv werden sollten. Sie waren ihm so wertvoll, dass Vater sie ausschließlich selbst führte, niemand sonst von ihnen wusste und er sie 1951 abschaltete. Er übergab sie nicht an die Organisation Gehlen (ab 1956 BND). Grund: Er traute der Vorläuferorganisation nicht, weil sie nach seiner Ansicht in der Personalauswahl zu unsorgfältig war und durch ständiges Umorganisieren des Dienstes die personelle Wissensbasis (die Kenntnis von Quellen) der Führungskräfte und auch der Mitarbeiter einen zu großen Querschnitt gewann.

Der junge Brite, der immer meinen Kinderwagen die Treppen hochgeschleppt hatte, war, wie ich später erfuhr, auch britischer Nachrichtendienstler. Seine Hauptmission auf dieser Fahrt war, Vater zu schützen. Der Bauernhof muss noch auf Ost-Berliner Territorium gelegen haben. Dort galt das Vier-Mächte-Besatzungsstatut. Das garantierte den Angehörigen der Alliierten Freizügigkeit in allen Sektoren Berlins. Man war de facto immun, durfte auch nicht befragt oder durchsucht werden. Dieser Brite hatte für meinen Vater die erforderlichen Ausweispapiere, vor allem einen britischen Militärpass, bei sich, der ihn als Britischen Major ausgewiesen hätte. Wären sie in eine Kontrolle gekommen, so hätte der Brite das Gespräch geführt, die gültigen Militärausweise vorgezeigt und Vater hätte von oben herab blasiert zugeschaut, ohne ein Wort sagen zu müssen.

Ich werde später davon erzählen, dass die Sowjets genau diese Rechte gerne in Anspruch nahmen, als sie versuchten, meinen Vater aus West-Berlin in den Osten zu entführen und daran vom britischen Geheimdienst gehindert wurden.

Wie ein Vierzehnjähriger mit einem fast zwölfjährigen ein US-Truppenmanöver auslöst

Die Sowjets entführten aus Berlin ihnen missliebige West-Berliner. Alle, die politisch exponiert waren hatten Angst. Das war auch Teil des Nervenkrieges der Sowjets gegen die geteilte Stadt. Die Briten hatten hatten wenig Geld und wenig Personal, um für Vater den Personenschutz durchgängig zu gewährleisten. Vater bekam daher eine Pistole. Er trug sie selten, weil er darauf setzte, dass intelligente Ausweichstrategien ein besserer Schutz sind als eine Waffe, die man ohnehin bei einem Angriff erst als Zweiter zieht.

Wie wir uns mit der Waffe vertraut gemacht haben, ist eine andere Geschichte. Wir wussten, wo Vater die Pistole aufbewahrte, hatten uns aber einen Nachschlüssel beschafft, um mit ihr einmal zu schießen. Wir taten das zunächst im Schlafzimmer der Eltern, weil das riesig war. Nur einmal und nur einen Schuss. Es war uns zu riskant, erwischt zu werden. Vaters Pistole lag danach wieder eine Weile an ihrem Platz im Schreibtisch. Niemand hatte etwas gemerkt.

Das war an sich gesehen ja auch schon ein Erfolg. Ein zu kleiner aber. Unser Wunsch und Ziel war unerfüllt: Wir wollten unbedingt mit der Pistole mal so richtig ballern. Also beschloss mein Bruder, dass das im Grunewald nachzuholen sei. Vormittags waren dort keine Spaziergänger. Wir mussten also ein wenig „der Schule fernbleiben“, um unsere Schießübungen fortzusetzen. Ausreichend Munition hatten wir uns auf dem US-Sammelplatz für Wehrmachtswaffen nahe dem Teufelssee, übrigens schlecht bewacht, damals beschafft.

Mit den Fahrrädern ging es in den Grunewald. Hinter dem Jagdschloss Grunewald gab es eine sogenannte Panzerstraße des US-Militärs. Sie führte zu einer Panzergarnison, wo zahlreiche amerikanische Panzer waren – so um die 40. Die Gegend war schnell erreicht und von zu Hause nur etwa fünf oder sechs Kilometer entfernt. Zudem war dieser Teil des Waldes von Forstwegen durchzogen. Im Gefahrenfall hatten wir also jede Menge Fluchtmöglichkeiten, die wir auch brauchten, wie sich kurze Zeit später herausstellen sollte. Nicht weit davon entfernt war auch ein Schießplatz der Amerikaner. Wir konnten auf unseren Streifzügen durch den Wald immer Einzelschüsse und kurze Salven hören. Schießplatz also für leichte Waffen, sodass einzelne Schüsse von uns nicht unbedingt auffallen mussten. Ausgerechnet an dem Tag wurde aber nicht geschossen, noch nicht, wie sich gleich herausstellte.

Nachdem ein als geeignet erscheinender Platz für unsere Pistolenübungen gefunden war, malte Erik mit Kreide das Ziel auf einen dickeren Baum, wie wir das schon oft für das Bogenschießen gemacht hatten. Der Knall des dritten Schusses war noch nicht verhallt, da brach die Hölle los. Aus der Richtung der Panzergarnison hörte man das Aufdröhnen von startenden Panzermotoren. Der Boden des Grunewalds begann zu zittern. Es begannen Maschinengewehrsalven eines heftigen Gefechts. Um uns herum rannten amerikanische Soldaten und brüllten ein kurzes „piss off“. Nichts wie weg. Mein Bruder hatte die Pistole sofort in seiner Jacke verstaut und ließ es sich nicht zweimal sagen, zu verschwinden. Offensichtlich waren die drei Schuss aus einer Pistole in der Vorzeit der Funk-Kommunikation das vereinbarte Signal, mit dem Manöver zu beginnen. Noch früher gab immer ein Trompeter das Signal zum Angriff.

Von da an ruhte Vaters Pistole – von uns unbehelligt – an ihrem Platz, bis er 1958 nach Bonn versetzt wurde. Auf einem Spaziergang ins Siebengebirge erzählte mein Bruder die Geschichten unserer Schießübungen einem etwas fassungslos zuhörenden Vater. Wir erzählten ihm auch, dass er uns die Benutzung der Waffe, Laden, Spannen, Sichern etc. selbst beigebracht hatte. Ich hatte mir nämlich eine Wasserpistole zum Geburtstaf gewünscht, die der Walther 7.65 nachgebildet war. Den Trick mit der Wasserpistole gleichen Typs fand er aber anerkennenswert und unser konspiratives Verhalten für das Alter beachtlich! Typisch Vater, kein entsetztes Nachkarten, nur nüchterne Beurteilung des Geschehenen!

Nach dem Verbleib der Walther 7.65 gefragt, erzählte Vater, dass er sie in alle Teile zerlegt und jedes Teil woanders entsorgt habe. 1958, kurz bevor er seine neue Stelle im Bundesministerium für Vertriebene in Bonn antrat. Er konnte sie nicht zurückgeben, da sie ihm von den Briten „inoffiziell“ – also konspirativ – überlassen worden war. Nach dem damals geltenden Besatzungsrecht durften Deutsche in Berlin keine Waffen tragen. Ausnahme: Polizei, in alliierten Bewachungsdiensten arbeitende Leute und ansonsten nur ganz wenige. Die Waffenberechtigung wurde beim alliierten Kontrollrat dokumentiert, zumindest war sie durch ihn einsehbar. Die Dokumente waren so auch durch die Sowjets als eine der Besatzungsmächte in Berlin einsehbar. Das hätte aber Vaters Identität verraten können. Daher hatte er die Pistole nur inoffiziell. Es gab nur eine Quittung über den Empfang. Aber es gab 1958 niemanden mehr, der berechtigt gewesen wäre, sie zurückzunehmen. Wie skandierten die 68er später? „Legal, illegal, scheißegal!“ Vater nahm das „scheißegal“ vorweg. Durch das Zerlegen in Einzelteile und die getrennte Entsorgung aller Einzelteile schloss er einen Missbrauch der Waffe in falschen Händen aus. Und wenn ich heute meine linke Schreibtischschublade öffne, muss ich immer wieder an diese Geschichte denken.

Übrigens: bei allem Entsetzen über unsere Schießereien meinte Vater anerkennend, dass wir das ganze sehr clever eingefädelt hätten.

Meine spätere Begegnung mit einer Schusswaffe war dann erst wieder 1979, als zwei Herren vom BKA, Abteilung TE (Terrorismus) in meinem Büro vorstellig wurden, um mir mitzuteilen, dass man Observationsdaten meines privaten Umfelds in einer konspirativen Wohnung der RAF gefunden habe und zudem ein Abhörversuch durchgeführt worden war, den man dem Unterstützerumfeld der Terroristen zurechnete. Man stufte mich als gefährdet ein und ich habe dann nach einer Sachkundeprüfung sofort einen Waffenschein bekommen, trug die Waffe aber nur selten. Sie schränkte mich einfach zu sehr ein und ich habe lieber wie mein Vater Strategien entwickelt, nunmehr Observation zu erkennen und vorsichtiger zu sein.

Schwarzbrenner und die Ermordung des Wirts am Stuttgarter Platz

Für Schwarzmarkt und Hamsterfahrten brauchte man Tauschware. Tauschware war z.B. Schnaps. In der Joachim-Friedrich-Straße 37, direkt neben meiner späteren Grundschule verbarg sich seit 1914 mitten in einem gutbürgerlichen Wohnviertel ein Gewerbehof, der von der Joachim-Friedrich-Straße bis zur Karlsruher Straße reicht und bis in die 80er-Jahre in drei Höfen für Unternehmen Produktionsstätten bot. Im zweiten Hof war die Schnapsbrennerei C.K.Heinrich. Im ersten Hof unterhielt sie ein nicht durchgängig geöffnetes Milchgeschäft.

Mutter wollte mal wieder mit mir zum Milchgeschäft. Mich nahm sie immer mit, wenn sie Sorge hatte, es könnte etwas brenzliches passieren. Frauen mit kleinen Kindern waren fast immun. Es war die Hölle los. Großes Polizeiaufgebot. Mit drei Mannschaftswagen der Marke Opel Blitz kam gerade die Polizei und stürmte in das Haus und in den zweiten Innenhof, wo die Schnapsbrennerei war.

Abb.(Google) Höfe1 und 2. Im Hintergrund der Ziegelbau meiner späteren Grundschule

Wir stellten uns zu meinem Erstaunen neugierig auf die gegenüber liegende Straßenseite. Normalerweise hielt sich Mutter von Razzien immer fern. Diesmal nicht. Sie schaute genauso neugierig den Beamten hinterher. Ich wollte näher ran, aber Mutter bremste mich mit der Bemerkung „Zu Gefährlich“. Normalerweise geht ja von der Polizei keine Gefahr aus, aber ich wusste, dass Mutter eine Stange Zigaretten dabei hatte. Die damalige Hauptwährung. Wir sahen also aus der Distanz zu, wie die Polizei direkt in den zweiten Hof rannte und einige Beamte im ersten Hof zurückließ. Wir beobachteten das Geschehen und sahen, dass das Polizeiaufgebot an dem Milchladen im vorderen Teil des Hofs vorbeigestürmt war. Mutter wurde merklich ruhiger.

Das war aus damaliger Schwarzmarktsicht gut so. Der schwarz gebrannte Schnaps wurde nämlich weiß verkauft. Er wurde weiß eingefärbt und in Milchflaschen abgefüllt. Der „Milchhändler“, Sohn oder Mitarbeiter des Schnapsfabrikanten, hatte Sommer wie Winter immer alle Fenster und Türen offen. Um die Milch zu kühlen, wie Mutter sagte. In Wahrheit aber, um den Fuselgeruch aus dem Milchladen fern zu halten. Zudem übertünchte er den Fuselgeruch mal mit offener Ölfarbe, öligen Putzlappen oder anderen stinkenden Abfällen. Ich ging da nicht gerne rein.

Die Polizei hatte wohl nichts Verdächtiges gefunden und zog schon nach einer kurzen Zeit wieder ab. Mutter murmelte etwas von halber Stunde und wunderte sich. Wir gingen in den ersten Hof zum Milchladen. „Nichts ist sicherer gegen eine Razzia als nach der Razzia!“ sagte sie zu dem Milchverkäufer als wäre nichts gewesen und holte die bestellten vier Liter „Milch“ ab.

Wenn man auf Lebensmittelkarte Milch erwarb, so kam man entweder mit einer Kanne oder mit einer Milchflasche in das Geschäft. Die Flasche hatte einen ca. zwei Finger breiten Hals, der nach innen eine Stufe hatte. Die Milch wurde mit einer Pumpe gezapft; das erfolgte mithilfe eines Hebels, der heruntergedrückt wurde. Die Milchflasche wurde dann mit einer passgenauen runden Pappscheibe, die man in die Vertiefung drückte, geschlossen, damit die wertvolle Milch nicht schwappte. In solchen Flaschen holte Mutter auch diese „Milch“, die nur so aussah und eigentlich Schnaps war. Einer ihrer Kunden betrieb eine Kneipe am Stuttgarter Platz.
Wir hatten dem Wirt die vier Flaschen „Milch“ gerade gebracht, da kam eine Horde Männer in das Lokal. Der Deal war abgeschlossen und der Wirt hatte Mutter gerade bezahlt. Die Männer bedrängten den Wirt und es kam zu Handgreiflichkeiten. Ich sah noch, wie jemand den Wirt mit einem Messer angriff, der schrie auf und fiel hin. Mehr sah ich nicht. Nur sein erschrockenes Staunen habe ich noch vor Augen. Mutter packte mich und wir flohen nach hinten durch eine vollgekramte Küche, die als solche wohl nicht mehr benutzt wurde. Über den Hinterhof flohen wir in ein Treppenhaus des vorderen zur Straße gelegenen Gebäudeteils und gingen dann nach Hause. Mutter hatte etwas gemurmelt wie „Hoffentlich ist er nicht tot!“

Zu Hause angekommen, traf ich mich mit meinem Freund Achim. Wir beschlossen, unsere Neugier zu befriedigen und gingen zum Stuttgarter Platz zurück. Vor der Kneipe gab es eine kleine Menschenansammlung und ein Polizist stand vor der Tür und ließ niemanden hinein. Durch die Scheibe konnten wir, bevor man uns verjagte, jemanden auf dem Boden liegen sehen. Es sah alles sehr blutig aus.

Da ich unseren Fluchtweg kannte, gingen Achim und ich in das Vorderhaus in den Hof, von dort in die Küche und in den Gastraum. Da lag der Wirt tatsächlich in einer Blutlache. Die vier Flaschen „Milch“ waren noch da. Der Raum war leer. Offensichtlich wartete der Polizist auf die Abholung des Leichnams. Wir nahmen die vier Flaschen an uns und brachten sie nach Hause. Mutter war entsetzt. Zum einen, weil der Mann tot war und zum anderen, dass wir die Leiche gesehen hatten. Über die Rettung des teuren und schon bezahlten Schnapses äußerte sie sich nicht, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.

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