Andere lesen Krimis – ich erleb(t)e sie ein Leben lang
…aber ich hatte nie vor, über mein interessantes Leben ein Buch zu schreiben. Mein Vater war Nachrichtendienstler. In der britischen Kriegsgefangenschaft lernte er zufällig einen „Kollegen“ kennen, den britischen Major Fletcher (vom MI 6, dem militärischen Auslandsgeheimdienst der Briten). Fletcher gewann Vater, nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in der KgU (Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit), einen nachrichtendienstlichen Zweig gegen die sowjetischen Besatzungstruppen aufzubauen. Die Initiative ging von Churchill aus. Er war mit dem von MI 6 wenig nützlichen Material über die sowjetischen Rüstungsaktivitäten nicht zufrieden. Vater sprach fließend russisch. Er war in Estland geboren und aufgewachsen. Nachrichtendienstlich war Vater durch die Zugehörigkeit zur Division Brandenburg, Arbeit für Fremde Heere Ost und die Abwehr im Oberkommando Wehrmacht ausgewiesener Sowjetexperte.
Ich selbst bin als Kind schon ein ganz brauchbarer Beobachter gewesen. Obgleich die Eltern versuchten, uns sorgenfrei zu halten, spürte ich, dass Vater irgendwie in Gefahr war. Wenn ich beim Spielen merkte, dass ein Auto (gab ja nur wenige damals) langsamer als gewöhnlich an unserem Haus vorbeifuhr und drei Insassen hatte, nach einiger Zeit wieder unser Haus passierte, aber diesmal nur mit dem Fahrer und danach die zwei anderen am Haus auf verschiedenen Straßenseiten harmlos vorbeischlenderten, flitzte ich nach oben und informierte die Mutter über die Beobachtung. Sie telefonierte dann gleich – wie ich heute weiß – mit einem britischen Kontaktmann vom MI 6. Dann tauchten andere Leute auf, verteilten sich in der Gegend und verstärkten den Personenschutz meines Vaters.
Später gab mir Mutter die Rückfragen z.B. nach Personenbeschreibung weiter, die der Kontaktmann gestellt hatte. Einmal fragte der nach der Autonummer. Ich war 4 und konnte noch nicht lesen. Aber ich malte sie auf den Rand einer Zeitung. B und 1 spiegelverkehrt. Ich fand 2016 den Ausriss im Nachlass meiner Mutter.
Mit meinem Freund Achim spielten wir ‚Leute beschatten‘. Über meine Mutter, der ich davon erzählte, gab Vater immer wieder Tipps, wie man beschattet und Beschattung erkennt, auch dass man nie eng folgen darf, sondern im Abstand und auf der anderen Straßenseite uvam. Ich war unverdächtiger als die professionellen Personenschützer. Die Sowjets brauchten fast vier Jahre, um herauszufinden, wer Dr. Hoffmann (sein Deckname) war. Mindestens einmal versuchten sie, ihn aus West-Berlin zu entführen. Das gelang nicht, weil meine Beobachtung immer wieder Vater erkennen ließ, dass er Zielobjekt der Sowjets war.
Ansonsten war ich Trümmerkind mit ganz ungewöhnlichen Erlebnissen wie Hamsterfahrten, die nachrichtendienstlichen Kontakten dienten, Zeuge eines Mordes auf dem Schwarzmarkt am Stuttgarter Platz und einen halb verschüttetem aber voll munitionierten T34-Panzer als „Spielzeug“ benutzte.
Viele persönliche Erinnerungen wurden später durch Gespräche mit meinem Vater, der mich nach seiner Pensionierung stark unterstützte, mit den Hintergründen, die ich als Kind nicht kennen konnte und sollte, ergänzt.
Meine Firma, die inzwischen älteste deutsche Beratung für IT- und High-Tech-Sicherheit (50-jähriges Jubiläum war am 26.6.2022) ist seit ihrer Gründung im Visier von Nachrichtendiensten. Noch vor kurzer Zeit versuchte der georgische Nachrichtendienst im Hotel in Tiflis den Computer eines Mitarbeiters zu knacken. Sie wollten vermutlich wissen, was wir für einen Auftrag von einer EU-Behörde hatten. Er war ganz unspektakulär: die Sicherung von Wohnungen und Büros der EU-Delegierten!
In den 60er Jahren war ich Vorstand der JU und hatte im 5-köpfigen Vorstand zwei Spitzenspione von Markus Wolf (Spionagechef der DDR) – Wolfgang Goliath und Dieter Bauer (beide Romeos). Wolfgang Goliath war erfolgreich und warb Inge Hanke an, die Sekretärin des Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses (Marx MdB). Inge Hanke hatte ich zuvor in die CDU aufgenommen.
Später hat Markus Wolf mein Büro zur Chefsache gemacht. Er hielt uns für DIE Sicherheitsberatung in Deutschland. Mehrere Versuche, in meinem Team einen Agenten zu platzieren misslangen ihm. Schließlich warb er meinen Vetter Bengt v. zur Mühlen (Chronos Film GmbH, Berlin) an, um für seine Arbeit ein Bonner Büro in Bürogemeinschaft mit meiner Firma zu begründen. Pech nur, dass dieser Vetter Doppelagent war und von meinem Vater und mir beraten wurde. Geführt wurde er in Abstimmung mit uns vom BfV in Köln. Ich war damals gut bekannt mit dem BfV-Präsidenten Hellenbroich.
Bis zum 26. November 1989 waren 6 von meinen Telefon-Amtsleitungen und meine zwei Privatanschlüsse durch MfS-Agenten im Fernmeldeamt an der Bonner Reuterstraße manipuliert und wurden auf die Ständige Vertretung Ost-Berlins in Bad Godesberg durchgeschaltet. Unsere Horcher merkten das nicht, weil die DDR eine mikrominiaturisierte Modulationsbox hatte, die die Sprache in eine andere Frequenz umwandelte, sodass sie nicht akustisch wahrgenommen werden konnte.
Und mein Leben ist bis heute spannend geblieben. Ich habe als Zeitzeuge, unter sehr ungewöhnlichen Umständen lebend, sowohl eine schonungslose Schilderung der Nachkriegszeit, des Trümmerlebens, der Hamsterfahrten und des Schwarzmarktes beschrieben, aber auch meine Firmengründung (international tätige High-Tech-Sicherheitsberatung) und ein beeindruckend bewegendes Gespräch (Schlusskapitel) mit dem 2015 wohl letzten damals noch lebenden V-Mann-Führer meines Vaters.
Ich beschreibe, wie mein Vater lange nach seinem Ausscheiden aus dem Nachrichtendienst zufällig erfuhr, wie einer seiner Spitzenagenten, den er beim Ausscheiden 1951 aus der KgU an den BND übergeben hatte, kurz vor der Enttarnung stand und wie er von zu Hause aus, er traute niemandem, ein ehemaliges Schleuserteam reaktivierte und den Agenten mit Frau, drei Kindern und dementer Schwiegermutter sicher in den Westen brachte. Der Agent wurde noch in derselben Nacht nach Westdeutschland geflogen. Seine Spur verliert sich in der Anonymität der USA. Er war als ehemaliger Kapitän z.S. und Schiffsingenieur zu hochrangig, um ihn in Berlin oder Deutschland zu behalten. Ich beschreibe auch die Legende, unter er in Rostock gelebt hatte und dass Vater auch seinen alten Dokumentenfälscher reaktivieren musste, damit er sechs echte falsche Pässe in wenigen Tagen fertig stellte, die eine intensive Passkontrolle an der Zonen- oder Sektorengrenze überstanden.
Andere lesen Krimis – ich erleb(t)e Krimis Life – ein Leben lang
Ein mehr als dreistündiges Gespräch mit Generalmajor Markus Wolf, legendärer Chef der DDR-Auslandsspionage, ließ mich umdenken. Es korrigierte meine Fehleinschätzung, dass ich zwar ein spannendes Leben hatte, aber kein Wichtiges. Wenn Markus Wolf es für spionagerelevant hielt, muss ja wohl etwas daran gewesen sein.
Mein spannendes Leben habe ich einige Jahre später in 130 Episoden zu einem Zeitzeugenbericht aus 70 Jahren aufgearbeitet. Weitere ca. 200 Episoden bearbeite ich gerade, werde sie aber nicht als Buch herausgeben, sondern im Wechsel auswählen und befristet ins Internet (diese Homepage) stellen. Für die Leser meines Buches Drei Leben im Gegenwind, die mich drängten, die ca. 200 bisher unveröffentlichten Episoden als Fortsetzung zu veröffentlichen. Für Historiker wird im Deutschen Tagebucharchiv und in ausgewählten historischen Archiven das Auswerten auch dieser Quelle möglich sein.
Sicher auch ungewöhnlich
Während meines gesamten Arbeitslebens hat es nicht einen einzigen Tag gegeben, bei dem ich überlegt habe, mal etwas anderes zu tun. Mein Beruf war immer spannend und abwechslungsreich.
Ein Schwerpunkt der 130 Episoden liegt im Bereich des Nachkriegs-Berlins und den Umständen, unter denen nachrichtendienstliche Tätigkeit im beginnenden Kalten Krieg stattfand. Daher sind auch Lebensumstände in der damaligen Zeit beschrieben, die ich so nirgends bislang gelesen habe. Oder wussten Sie, welche Rolle Hildegard Knef im Schwarzmarkt gespielt hatte? Ich war oft auf ihrem Sofa und habe mit ihren Meißner Porzellanfiguren gespielt. Es sind Augenzeugenberichte, also Dinge, die ich selbst beobachtet und erinnert habe. Ich erlebte Vordergründiges und erfuhr erst viele Jahre später die Erklärungen zu dem, was ich beobachtet und mir erstaunlicherweise fast fotografisch gemerkt hatte. Sie sind allerdings durch Erzählungen meiner Eltern und einiger Agenten meines Vaters in Sachzusammenhänge gestellt worden, ohne die Authentizität des selbst Erinnerten in Frage zu stellen.
Ich wurde in meinem Berufsleben Sicherheitsberater. Das ergab eine Vielzahl von Berührungspunkten zum Thema aus meiner Kindheit und dem Leben meines Vaters als erfolgreicher Nachrichtendienstler, denn einige seiner früheren Agenten wurden meine Kunden. So ein Sicherheitschef von MBB, einer von 4711 oder Chemische Werke Hüls. Und das ergab interessante Einblicke, wie Spionage uns auch heute begleitet. Nicht nur im Ausland, sondern vor der eigenen Haustür.
Inhalt
des Zeitzeugenberichts in Episoden:
Noch nirgends niedergeschriebene Erlebnisse in den Trümmern Berlins, hautnahe Beobachtungen des Sohn des Leiters eines Nachrichtendienstes, der den Auftrag der Briten hatte, eine SBO (Stay-Behind-Organisation) für Spionage und Sabotage gegen die Sowjet-Armee im besetzten Deutschland aufzubauen. Mehrere Jahre brauchten die Sowjets, um herauszubekommen, dass Vater Dr. Heinz Hoffmann in Wirklichkeit Dr. Heinrich von zur Mühlen war. Ich selbst nahm wahr, dass ich die Stimme von Anrufern erkannte, diese sich aber mit mir nicht geläufigen Namen meldeten.
Die ständige Angst der Mutter um den Vater übertrug sich auf mich. Interessanterweise nicht als Angst, sondern als unbewusste Aufgabe, Vater vielleicht schützen zu können. Als Kind war ich aus heutiger Sicht fast dressiert, Gefahren zu erkennen, um den Vater zu warnen. Nach Vaters Enttarnung gegen Ende 1950 steigerte sich alles bis zum konkreten Entführungsversuch der Sowjets (anlässlich eines Agententreffs) gegen Vater vor dem Haus Kurfürstendamm 168. Von dem Haus hatte nur das Erdgeschoss den Bombenangriff überlebt und mit einem Notdach versehen worden. Es war ein großes Ladenlokal: WMF Stadelmann. Das Geschäft war damals das hellst erleuchtete am ganzen Kurfürstendamm und besonders gut geeignet, den Agententreff meines Vaters durch dem MI 6 zu überwachen.
Das Buch enthält zudem noch nie veröffentlichte zeitgeschichtliche Tatsachen. Teilweise spannend wie ein Krimi und immer auf realem Hintergrund. Keine Episode ist Fiktion. Alles sind Tatsachen und deren Einordnung in historische Zusammenhänge, die die Beobachtungen so interessant machen. Es tauchen Namen von Personen auf, die im Zusammenhang mit nachrichtendienstlicher Tätigkeit nicht erwartet werden wie Ulrich Wegener (erster Kommandeur der GSG 9), Ernst Benda, Mitbegründer des Nachrichtendienstes KgU 1946 in Berlin, später Innenminister und Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Es wird aber auch ein mehrstündiges Gespräch mit Markus Wolf, dem DDR-Spionagechef, wiedergegeben, in dem Wolf mir mit Selbstironie begründet, warum es ihm nicht gelungen war, in meinem Büro in Bonn einen Agenten zu platzieren.
Die Nachkriegsereignisse im Rahmen einer Kindheit zwischen Trümmern, Schwarzmarkt, Mord (vom Autor als 4-jährigem Augenzeugen miterlebt und heute noch das Bild vor Augen), tragischen Selbstmorden im Umfeld und von Schulkameraden, Hamsterfahrten, Schmuggel, Fluchthilfen, Agentenschleusungen und Nachrichtendienstlern im beginnenden Kalten Krieg.
Ungewöhnliche Hamsterfahrten, bei denen Agenten angeworben oder gewarnt und ausgeschleust wurden. Die letzte von mir miterlebte Schleusung eines Spitzenagenten mit sechs Familienangehörigen (einschließlich einer dementen Großmutter) nahm mein Vater 1956 vor. Diesen Agenten hatte Vater mit falscher Legende als Schiffsingenieur in einer
Werft bei Rostock platziert. Dort wurde er Leiter der Wartung und Reparatur sowjetischer Kleinkriegsschiffe.
Als der Einfluss der Amerikaner auf Vaters Nachrichtendienst wuchs, die Briten hatten kein mehr Geld, und die CIC/CIA vor allem Interesse an Vaters SBO zeigten, verließ Vater den Dienst und schaltete zuvor fast alle Agenten ab oder holte sie in den Westen. Er hatte Zweifel an der Professionalität der CIC bzw. CIA und damit an der Sicherheit seiner Agenten. Einen allerdings gab er auf eigenen Wunsch an den BND (damals noch Organisation Gehlen) weiter. Eben diesen Schiffsingenieur. Ein anderer war im MfS. Er wollte nicht ausreisen und Vater schaltete ihn ab. Er war Einflussagent und blieb Vater gegenüber loyal.
Mehrere Jahre brauchten die Sowjets, um herauszubekommen, wer sich hinter dem Namen Dr. Hoffmann verbarg. Erst 1950 hatten sie Erfolg mit ihren Identifizierungsbemühungen. Wir hatten immer Angst um den Vater. Als Kind lernte ich Beschatten. Wir spielten Räuber und Gendarm und beschatteten Nachbarn. Daraufhin gab mir Mutter, angeregt durch Vater Tipps, wie man als Verfolger „unsichtbar“ bleibt. Das war spannend. Wir fühlten uns als Profis.
Nach Vaters Enttarnung war ich zum Besuch einer Tante in Ost-Berlin. Auf der Litfaßsäule Invalidenstr. /Ecke Scharnhorststr. sah ich ein Fahndungsplakat mit 20.000 Mark Kopfprämie, ausgesetzt für die Ergreifung meines Vaters. Wenig später versuchten die Sowjets Vater vor dem Haus Kurfürstendamm 168/Ecke Brandenburgische Straße zu entführen. Ich hatte wieder einmal Verdächtige Männer in der gegenüber liegenden Ruine verschwinden und nicht wieder herauskommen sehen.
Am 16. März 1956 wollte CIA-Chef Alan Dulles, Bruder des US-Außenminister John Foster Dulles, Vater reaktivieren und ihn bitten, unter dem Dach des BND eine Fluchtorganisation für abgeschossene oder mangels Sprit ausgestiegene US-Bomberpiloten durch die Sowjetunion in den Westen aufzubauen. Im Rahmen der Erstschlagsdoktrin der USA wollten diese im Falle eines Angriffs der Sowjets ohne Zögern Atombomben auf Moskau abwerfen. Es gab damals noch keine Tankflugzeuge, die über Feindgebiet zu operieren geeignet waren. Vater weigerte sich, eine so aussichtslose Operation auch nur anzudenken. Er wusste zu viel über die Effizienz sowjetischer Geheimdienste.
Mein zweites Leben begann 1959 mit dem Umzug nach Bonn. Vater übernahm erstmals einen Job im Ministerium ohne nachrichtendienstlichen Zusammenhang. Ich wurde politisch aktiv – später ein sog. 68er – aber: bei der JU und mit dem RCDS. Meine Finanzen besserte ich während des Studiums als „Kunstfälscher“ auf, genauer: Kopist berühmter Impressionisten. Die Kopien finanzierten mir schon in den frühen 60ern den Luxus eines Autos. Damals fuhren Prokuristen noch Bus.
Mein drittes Leben begann als Student 1969. Ich befasste mich mit Computerkriminalität. Es gab sie damals noch gar nicht richtig. Ich prognostizierte sie und wies experimentell Manipulationsmöglichkeiten von Großrechnern durch selbst geschriebene Programmmanipulationen nach, die ich unter Aufsicht eines Computer-Herstellers erfolgreich testen durfte. Erfolgreich führte ich den Nachweis der Manipulierbarkeit von Software. Damals ein Streitthema. So wurde ich möglicherweise zum ersten Hacker in Deutschland. Aus meiner Diplomarbeit machte ich ein Buch, das im Luchterhand Verlag als weltweit erste Monografie erschien.
Als Student gründete ich eine Sicherheits-Beratungsgesellschaft, die heute weltweit tätig ist (www.vzm.de). Sie wurde selbst Ziel zahlreicher nachrichtendienstlicher Spionageaktivitäten durch verschiedene Dienste sowie terroristischer Ausforschungen und Anschlagsvorbereitungen durch die RAF. Mein Leben blieb spannend und ist es auch heute noch. Denn mein Büro plant für etliche Dax-Konzerne, Mittelbetriebe und Behörden hochverfügbare Rechenzentren und Sicherheitskonzepte. Und daran sind wieder mal interessiert: Nachrichtendienste.